Dithmarscher - mit dem Adel nichts im Sinn

Kaum ein Landstrich in Deutschland ist angesichts seiner Größe und geringen Bevölkerungsdichte so geschichtsträchtig wie Dithmarschen. Nicht nur, daß von der Steinzeit bis heute zahlreiche stumme Zeugen der Vergangenheit erhalten geblieben sind, auch im Bewußtsein der Dithmarscher ist die Geschichte stets stark verankert. Das spüren auch jene „Zugereisten", die erst in den vergangenen Jahren den Weg an die schleswig-holsteinische Westküste gefunden haben.

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Die Blütezeit der Dithmarscher lag im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, die Nordseeküste ist jedoch seit etwa 7000 Jahren besiedelt, wie zahlreiche steinzeitliche Funde beweisen. Im Raum Albersdorf („Archäologische Meile") waren die Archäologen besonders erfolgreich. Zahlreiche Hügelgräber, der Schalenstein in Bunsoh und der Brutkampstein in Albersdorf sind anschauliche Relikte aus grauer Vorzeit.

Nach der Christianisierung, also im Mittelalter, entstanden aus den zuvor recht losen Ansammlungen von Dorfgemeinschaften die Kirchspiele, die die unmittelbar wirksame Macht an der Küste verkörperten. Und es entstand eine (zuweilen geradezu gewalttätige) Abneigung gegen die Herrschaft durch Adlige. Zwar wurde 1227 der Erbischof von Bremen als eine Art Oberherr Dithmarschens bestätigt, von einer Regentschaft allerdings kann man nicht sprechen. Im Gegenteil: Im 15. Jahrhundert schlossen sich die Kirchspiele enger zusammen; fortan bestimmten 48 Regenten, die sich aus den Kirchspielen rekrutierten, die Politik der Region.

Immer wieder zogen Adlige mit ihren Söldnerscharen nach Dithmarschen, um das reiche und unabhängige Land zu unterwerfen, es wenigstens aber zu plündern und zu brandschatzen. Am Ende waren die Dithmarscher immer wieder siegreich. Ihren größten Erfolg verzeichneten die wehrhaften Küstenbewohner jedoch im Jahr 1500, als sie ein geradezu übermächtiges Heer des dänischen Königs bei der Schlacht bei Hemmingstedt vernichtend schlugen - der Höhepunkt der Bauernrepublik. 59 Jahre später war die Übermacht des Königs und der Adligen jedoch zu groß: Dithmarschen kapitulierte nach dem Feldzug. In den Verhandlungen verstanden es die Bauern jedoch, günstige Bedingungen zu erlangen, die ihnen einen Teil ihrer Freiheit ließen.

In den kommenden Jahrhunderten war das Schicksal Dithmarschens verbunden mit dem Holsteins und damit auch Dänemarks. Jeder Krieg, an dem der nordische Staat beteiligt war, hinterließ an der Nordseeküste blutige Spuren: der Dreißigjährige Krieg, der Nordische Krieg, die Besetzung durch die Nord-Armee 1813/14 („Kosakenwinter").

Die kriegerischen Auseinandersetzungen wirkten sich auch auf die Landschaft aus: Große Teile der Wälder waren abgeholzt worden, Felder schutzlos dem Wind ausgesetzt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert befahl daher der dänische König die Aufteilung der Meente (Allgemeinbesitz), die Verkoppelung der Einzelhäfe und die Anlage von Knicks. Auch die ländlichen Wegenetze wurden im Verlauf der Agrarreformen neu strukturiert.

Nach den napoleonischen Kriegen strebten die Schleswig-Holsteiner in zunehmendem Maße die Loslösung von Dänemark an. Auch Dithmarscher engagierten sich in den Aufständen. Aber erst als sich die europäischen Mächte Österreich und Preußen einschalteten, kam es zur Unabhängigkeit von Kopenhagen - auch Dithmarschen wurde preußisch.

In den folgenden Jahrzehnten erlebten die Kreise Norder- und Süderdithmarschen nicht nur durch den Bau des Nordostsee-Kanals einen Aufschwung, auch bei der Landwirtschaft gab es erhebliche Fortschritte. Erster Weltkrieg und die nachfolgenden Wirtschaftskrisen machten jedoch vieles wieder zunichte.

Gegen Ende der zwanziger Jahre setzte eine Radikalisierung der Bevölkerung ein, die ihren Höhepunkt am 7. März 1929 in der „Blutnacht von Wöhrden" fand, als sich Nationalsozialisten und Kommunisten eine regelrechte Schlacht lieferten; drei Menschen wurden getötet.

Bereits 1933 war Dithmarschen fest in den Händen der Nazis; die Gleichschaltung aller Organe gestaltete sich problemlos. Es gab viele überzeugte Nationalsozialisten; und wer nicht überzeugt war, hielt aus Angst vor Repressalien den Mund. Erst gegen Ende des Zweiten Weltkrieges traten erhebliche Zweifel auf, geschürt auch durch die alliierten Bombenangriffe beispielsweise auf die Raffinerie in Hemmingstedt.

Nach dem Krieg sperrten die britischen Besatzer die Zugänge über die Wasserwege. Die „Insel" Dithmarschen wurde zu einem einzigen riesigen Internierungslager für deutsche Soldaten. Hinzu kamen zahlreiche Flüchtlinge aus den Ostgebieten, so daß die Bevölkerungzahl sprunghaft anwuchs. Doch auch damit wurden die Dithmarscher fertig. In den fünfziger und sechziger Jahren erholte sich der Landstrich. Die Kreise wurden schließlich im Rahmen der schleswig-holsteinischen Gebietsreform 1970 zu einem Kreis Dithmarschen mit der Kreisstadt Heide zusammengelegt.

Dr. Dieter Kienitz

Quelle: Dithmarscher Landeszeitung

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